Tag für Tag n Text.
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Die Entdeckung der
Langsamkeit. Nein, ich habe das Buch von Sten Nadolny nicht gelesen. Ich habe es nur angefangen und mich furchtbar gelangweilt, ich glaube, weil es um Volleyball (oder Ball über die Schnur?) ging und ich das gehasst habe zu der Zeit. Mein Vater liebt das Buch aber und das gilt nicht von vielen Büchern, und ich kann bezeugen, daß es großartig sein muß, weil ich immer von n auf n+1 schließe (ich bin ein Mathematikerkind) und "Ein Gott der Frechheit" von Sten Nadolny ist großartig und ich denke jedes mal daran, wenn ich ein Päckchen mit Hermes bekomme. Mein Vater liebt dieses Buch weil es von ihm handelt. Er ist langsam. Ich habe mich immer für schnell gehalten. Warum? Weil es einige Dinge gibt, in denen ich sehr schnell bin, und einige Zeit habe ich fast ausschließlich diese Dinge getan: Denken, lesen, sprechen. Zu der Zeit habe ich wenig gegessen zum Beispiel - darum ist mir wohl nicht aufgefallen, daß ich eigentlich ein sehr langsamer Mensch bin.
Jetzt, mit Mitte zwanzig, wo das Alter einsetzt, entdecke ich das - langsam. Was ich immer schon bemerkt habe ist, daß ich sehr lange brauche, Briefe zu beantworten. Ich bekomme sie, öffne sie, lese sie - allein das kann eine halbe Woche dauern, dann denke ich darüber nach, wende das an, was ich denke und dann kommt es erst zu einer Antwort: Das sieht so aus, daß ich den Brief noch mal lese, mir Notizen mache und dann einen Anfang schreibe, mit Begrüßung und allem. Dann suche ich eine möglichst elegante Überleitung zu einem der Themen auf meinem Notizzettel, und zwischendurch versuche ich in kleinen Anekdoten einfließen zu lassen, wie es mir geht, was ich mache, und wozu so ein Briefwechsel sonst so gut ist. Das ganze braucht fast immer drei Schreibanfänge und kann sich über Monate erstrecken. Schicke ich einen Brief schneller ab, erfüllt er das Raster nicht.
Inzwischen weiß ich aber, daß ich generell ein langsamer Mensch bin. Das hängt mit der Verbreitung von email zusammen. Jetzt kann ich mir nicht mehr einreden, meine Kunst des Briefeschreibens sei halt so elaboritert und zeitraubend. Jetzt habe ich einen Posteingang. Da trudeln emails ein. Jeder kennt das. Es gibt bei meinem Programm dann ein rotes Zeichen. Erst gucke ich, wieviele das ungefähr sind. Dann mache ich den Abwasch. Dann gucke ich, wer geschrieben hat. Oder wer vielleicht nicht. Dann wechsle ich meinen Sitzplatz und starte mein Musikprogramm. Und ob ich die emails dann lese, hängt von vielen Faktoren ab. Nach einer Woche habe ich aber alle gelesen. Hm, und das Antworten ... Ich bin fest davon überzeugt, daß man Dinge richtig machen kann oder halbherzig, und es gibt auch genug Dinge, die ich habherzig mache, staubsaugen zum Beispiel, zur Not auch Schminken, aber schreiben niemals. Wenn geht es mir richtig dreckig. Damit. Und so wichtig ist mir fast nichts, daß ich das riskiere. Ich brauche ein ganzes Herz zum Schreiben. Und genau darin bin ich so langsam. Ich verschenke mein Herz wie der Himmel seine Sterne. Wenn ich reise, dann gehört mein Herz der Landschaft vor Zugfenstern oder anderen Ausblicken. Wenn ich Menschen treffe, gehört mein Herz den Menschen, die ich mag. Und ich kann wieder abreisen, aber bis ich alles wieder eingesammelt habe, das dauert. Wenn ich es beschleunigen will, kommt es nicht vollständig an. In dieser Hinsicht ähnelt es der Deutschen Post.
Und jetzt, nachdem die letzte Fahrt über eine Woche her ist, bin ich wieder ganz da. Schön, das freut mich! Aber es ist wieder einmal ein Meilenstein, um festzustellen, wie langsam mein Herz ist.
Und jetzt piept die Waschmaschine.
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